Fenster "Seelenburg" in der Kirche der Karmeliter in Avila
DAS CHARISMA DES THERESIANISCHEN KARMEL
(Auf die Bitte hin, eine kurze Darstellung des Charismas des Theresianischen Karmels zu geben, hat P. General, P. Luis Aróstegui Gamboa die folgende Zusammenfassung geschrieben. Wir veröffentlichen diesen Text, verbunden mit der Hoffnung, dass er für viele von Nutzen ist.)
In der Geschichte dessen, was wir den Karmel nennen (abgeleitet vom gleichnamigen Berg in Israel) beobachten wir eine Abfolge von Jahren und Personen, was wir als den äußeren Aspekt bezeichnen können. Daneben gibt es aber auch einen theologischen Weg, der in die Tiefe und zum Evangelium führt, dargestellt durch Teresa von Jesus und von Johannes vom Kreuz und anderen Persönlichkeiten des Karmels, wie etwa Thérèse von Lisieux, Edith Stein (und Jerónimo Gracián und andere nicht heilig gesprochene Gestalten des Karmel). Die von diesen Personen inmitten der Kirche gelebte Spiritualität zeigt, dass es im Blick auf ein Charisma nicht nur bloß eine Abfolge von Jahren und Jahrhunderten gibt, wobei das einmal bestimmte Charisma sich nicht uniform wiederholt. Im Gegenteil, gerade jene Persönlichkeiten des Karmel sind den Weg in die Mitte des Christlichen gegangen, zu jenem “tief inneren Zentrum” und haben sich dabei, ohne es selbst zu beabsichtigen, zu Unterscheidungsinstanzen des Charismas und in Quellen der Inspiration verwandelt.
Dieser Karmel bewahrt stets im Herzen die Erinnerung an die Einsamkeit und das Schweigen, v.a. aber bewahrt er die Kontemplation, jenen Blick der Liebe in die Tiefe menschlichen Seins im Lichte Gottes (darin besteht nämlich die Tiefe). Dieser Karmel aber ist selbst auf dem Weg, lebt inmitten der Leute im Land und in den Städten. Die Wüste hat mehr einen spirituellen Charakter angenommen, nämlich die Teilnahme an der Gottleere der Welt und ihrem Leiden, und das wird in das Gebet mit hineingenommen. Diese spirituelle Wüste kann in der Erfahrung des Karmel, der darin bis zum Ursprung gewandert ist, auch als “Nacht” bezeichnet werden, wo es um das Eigentliche geht.
Und diese geschichtsträchtigen Orte der Einsamkeit wurden damals schon als Durchdringung des Göttlichen entdeckt, als dessen Fußspuren und Verweis.
“Von diesen unseren heiligen Vätern” stammen wir ab, die in so großer Zurückgezogenheit “diesen Schatz, diese kostbare Perle” suchten, rief die heilige Teresa von Jesus in Erinnerung, während sie selbst ihre Klöster der Karmelitinnen im Stil der Geschwisterlichkeit, der Rekreation, der Einfachheit, des guten Geschmacks, der Freude und der Natürlichkeit gründete. Die Brüder wollte sie als gut Ausgebildete und im Dienst für die Notwendigkeiten der Kirche sehen, wobei sie in ihrem Herzen die Wüste oder die “Nacht” tragen, stets auf der Suche nach der “kostbaren Perle” der Kontemplation (welche schließlich nach Teresa von Jesus ihr Ziel und ihre Wahrheit in der Liebe zu Gott und zum Nächsten findet, also in der “praktizierten” Liebe).
Der Karmel von Teresa von Jesus (und der nachfolgenden authentischen Zeugen) hat die Wurzel seiner spirituellen Seinsweise, um es kurz zu sagen, in der persönlichen Beziehung zu Jesus, gleichsam in einem Du zu Du mit ihm. Und dieser Karmel existiert allein für die Kirche und die Menschen. Alle Unternehmungen, Hoffnungen und Leiden dieser Menschheit umarmt er (Kontemplation), als wären sie die seinen, in aktiver und passiver Form, im Einsatz ohne Scheu.
Dieser Karmel kann stets aus dem Heute neugeboren werden, in seiner ganzen Wahrheit, weil er nicht so sehr von seiner Vergangenheit, sondern vom “tiefsten Inneren” des Menschen und des Evangeliums abhängt.
Luis Aróstegui Gamboa, ocd,